Industriekultur: 133 Jahre Wagenhalle

Vom 3. Bis 11. August fanden im Rhein-Main-Gebiet die „Tage der Industriekultur“ mit einem umfangreichen Mitmach- oder Führungsangebot statt. Am 11. August stellte die Stadt Griesheim in Kooperation mit dem Museumsverein die Wagenhalle als Baudenkmal vor: Vom Straßenbahndepot zur Festhalle. Etwa 30 Besucher waren zu der 90-minütigen Führung gekommen. Hubert Beck erläuterte die technischen Aspekte, Heike Jakowski führte durch die Geschichte.

Griesheimer Gemüse für Darmstadt: das war der Hauptgrund für den Bau der Dampfstraßenbahnlinie am 30.08.1886 zwischen den Endhaltepunkten am Darmstädter Schloss und am heutigen Georg Schüler Platz in Griesheim. 1926 wurde die Strecke elektrifiziert und am damaligen neuen Stadtrand ein Stromhaus und Wagenhalle gebaut, nun allerdings mit einer Verlängerung der Strecke über die Hauptstraße bis zum Kochschulhaus (später Platz Bar-Le-Duc).

Entstanden ist dabei ein wunderbares Ensemble: die lange, eher flache Ziegelhalle mit rhythmischer Fensterfolge lag traufständig am Feld, eine Ziegeleinfriedung verband die Halle mit dem Stromhaus (hier lagen Gleichrichter, Trafo und Werkstätten), das ebenfalls aus dem zeittypischen Material mit seiner Musteranordnung gemauert war. Mit seinem Walmdach leitet es über zum giebelständigen Stationshaus mit Satteldach. Das Haus wird geprägt von hellen Putzflächen, die mit Ziegeln abgesetzt wurden, im Giebel als Rautenmuster. Diese Ziegel machen einerseits die Zugehörigkeit zum Ensemble klar. Das Stationsgebäude hat andererseits die Dimensionen eines normalen Griesheimer Hauses. Damit stellt das Haus die Verbindung zur Bebauung am Ort her. Das ist durch den Postblock leider nicht mehr sichtbar.

1960 wurde die Halle erstmals umgebaut, die vier westlichen Tore geschlossen und das südliche Tor verbreitert. Die neuen Gelenkbahnen machten eine Gleisschleife nötig. 1984 gab die HEAG die Wagenhalle auf und die Stadt Griesheim als neue Eigentümerin baute sie zur Festhalle um. Das Stationsgebäude wurde verschiedentlich genutzt. Seit etwa 20 Jahren befindet sich ein Bistro-Café hier und auch der jährliche Griesheimer Zwiebelmarkt findet hier seine Höhepunkte.

Archivfoto

Die Gesamtanlage bildet ein Beispiel der expressionistischen Architektur der Zwischenkriegszeit. Material und Bauschmuck einerseits, Funktionalität andererseits sind herausragend kombiniert worden. Der Erhaltungszustand ist für deutsche Verhältnisse sehr gut, weil der Bau nicht kriegszerstört war. Insgesamt besticht der Komplex durch das hohe Maß an originaler Bausubstanz und dem achtsamen Umgang damit bei den Veränderungen für die Umnutzung. Wo sonst hat man noch die originale Decke? Alte Schienenstränge erklären die ursprüngliche Nutzung. Ein moderner Funktionskasten entlang der Nordseite greift die Marktwagensituation auf, eine schöne Idee, der Raumnot zu begegnen.  Die modernen Pfeiler verbinden wie einst die Häuser.